Alles wie gehabt

Der zweite Weltkrieg ist nun seit über 70 Jahren beendet,

die damit verbundene gesellschaftliche Verlogenheit auch?


Ich habe den Eindruck, dass er in unseren Köpfen von uns Kriegs- und Nachkriegskindern immer noch, mehr oder weniger unbewusst ganz leise zu toben scheint, da wir uns ebenso, wie die durch Angst und Doppelmoral geprägten Generationen vor uns, verhalten.


Das Mundhalten und bloß nicht ehrlich über das zu reden, was wir wirklich fühlen und denken, scheint mehr oder weniger unbewusst, wie eine unsichtbare Fackel bei einem Staffellauf, von Generation zu Generation stillschweigend weitergereicht zu werden.
Sie wird durch unsere gesellschaftliche Verlogenheit und der daraus resultierenden Angst in Gang gehalten, sich durch zu viel Offenheit den Mund zu verbrennen.
Sie sorgt dafür, das in vielen familiären Beziehungen, ein offenes und vor allen Dingen ehrliches und faires Gespräch darüber, wie unsere Beziehungen miteinander sind und was sie manchmal schwer oder sogar unerträglich machen, unmöglich werden.


Das Bekanntwerden erbrechtlicher Knebelverträge und die daraus resultierenden unerfüllten Hoffnungen einzelner Familienmitglieder sorgen oft schon zu Lebzeiten des Erblassers dafür, dass keiner mehr dem anderen traut und der eine oder die andere sich beim Weihnachtstreffen der Familie heimlich die Tränen verkneifen muss, weil die Lügerei unerträglich ist.


Wie lebenslänglich gebrandmarkte Untergebene, die immer noch viel zu oft JA sagen, obwohl sie NEIN fühlen, rasen wir durch unseren nach wie vor devoten und dem übermäßigen Konsumzwang angepassten Lebensstil, durch unsere von Helene Fischer schöngekuschelte Musikantenstadl-Welt.
Sogar dem Vibrieren unseres Smartphones folgen wir rund um die Uhr, wie mit vor eilendem Gehorsam, indem wir immer erreichbar zu sein scheinen, um ja nicht das zu verpassen, was die persönlich zwischenmenschlichen Beziehungen eigentlich entzweit.
Diese erlernte Sprachlosigkeit, das Verschweigen der Wahrheit, der heimliche Rückzug aus vermeintlich intakten Beziehungen und das Leugnen der Realität, prägt viele Menschen bis heute und macht sie in Bezug auf das, was sie wirklich fühlen, ebenso sprachlos und still, wie damals ihre Väter und Mütter.
Dieses nach außen hin, hilflose Aufrechterhalten einer vermeintlichen intakten und heilen Welt wurde durch den Konsum in den 50/60iger Wirtschaftswunderjahren kaschiert und prägt bis heute das Verhalten aller „Nachkriegskinder“, die nicht gelernt haben, über ihre Gefühle zu reden.
 
Es scheint einfacher zu sein, die eigene Unzufriedenheit kurzfristig über den Weg in ein Schuhgeschäft oder den Kauf eines neuen Smartphones zu verdrängen, als mit dem Partner darüber zu reden, was die Beziehung zurzeit eigentlich belastet oder sogar unerträglich macht.

 Eckhard Pawlowski©


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