"Erstmal in den eigenen Spiegel schauen"

Das Buch Beziehungsgeschichten spricht Tabuthemen an, über die keiner gerne redet, weil ja nicht sein kann, was nicht sein darf.

 

Es ist ein Buch über die Gefühle in unseren Beziehungen und was die uns oft anerzogene Verlogenheit* mit uns macht, wenn wir es uns selbst nicht erlauben, das auszusprechen, was wir wirklich fühlen.
*Wir haben alle gelernt, was man sagen darf und was nicht. Ebenso haben wir als Kinder gelernt, dass man nicht lügen darf, dann bleibt uns ja nichts Anderes übrig, als über die unangenehmen Dinge des Lebens zu schweigen.

 

Als „Nachkriegskind“ ist mir bei fast allen Familien mit pflegebedürftigen alten Menschen aufgefallen, das nach außen hin die Welt in Ordnung war, aber in Bezug auf die zwischenmenschlichen Gefühle wie Nähe und Wärme haperte es oft an diesen notwendigen Voraussetzungen für eine faire und einfühlsame Versorgung der alten Menschen.

 

Mir sind besonders die durch Krieg und Flucht verstörten Menschen aufgefallen, die durch das Erlebte regelrecht „gestillt“ wurden und auch später gegenüber den eigenen Kindern nicht sehr gesprächig waren.
Die Nachkriegsjahre mit Wiederaufbau und Wirtschaftswunder blendeten die vielen unbewussten Traumatisierungen der NS Zeit aus und scheinen erst im Alter wieder aufzutauchen, wenn die Menschen durch die verlangsamten Lebensumstände körperlich und seelisch zur Ruhe kommen, wogegen die inzwischen auch schon „alt gewordenen Kinder“ sich noch im Alltagsstress des Lebens befinden.


Meistens sind es die Frauen, die sich gezwungenermaßen um die Eltern oder Großeltern kümmern, wenn diese pflegebedürftig werden.
Ohne es zu ahnen, sind sie ganz nah dran… an den noch offenen Rechnungen mit dem Pflegebedürftigen, von denen sie bewusst nicht mal geträumt haben.

 

„Gestörte Beziehungen fallen oft erst auf, wenn man sich bei Begegnungen emotional so nahekommt, dass man ausweichen möchte, obwohl man sein Gegenüber mag.“

 

  • Da gibt es die Ehefrau, die von ihrem Mann Jahrzehnte lang, in jeder Beziehung, mehr oder weniger heimlich, belogen und betrogen wurde… und nun wird von ihr erwartet, dass sie ihn liebevoll pflegt.
     
    • Die Tochter, die als Kind heimlich von ihrem Vater beim Ausziehen beobachtet und nach dem Baden von ihm immer so „fummelig“ abgetrocknet wurde … Mutter wusste das und hat nichts gesagt.   
    Was fühlen diese „Kinder“ heute, wenn sie ihren alten Eltern bei der Körperpflege wieder so nahe kommen… wie damals, nur umgekehrt?

Eltern bleiben immer die Eltern und Kinder immer die Kinder.
Durch was auch immer… gestörte Beziehungen können nach Jahrzehnten durch eine schon mal erlebte Situation, einen Geruch oder ein Geräusch aufbrechen und dann entscheiden bisher verdrängte Gefühle darüber, ob und wie fair man einen pflegebedürftigen Menschen versorgen kann.

 

Es gibt ca. 3 Millionen pflegebedürftige alte Menschen in Deutschland und 2-3-mal so viele Angehörige, die in irgendeiner Form von dem betroffen sind, was ich in meinen „Geschichten“ erzähle.

Das, was ich in meinem Buch beschreibe, wird nicht die Situation der Betroffenen ändern, ihnen aber aufzeigen, dass es Millionen anderen auch so geht.
Das kann ebenso entlastend sein, wie die Einsicht, dass ihre heutigen Beziehungsprobleme eventuell mit der Lebensgeschichte der Eltern zu tun haben und es keinen Grund gibt, sich schuldig zu fühlen.

 

Alle Politiker in Europa fordern mehr Ehrlichkeit und Fairness in der Gesellschaft, vielleicht ist mein Buch eine kleine Anregung, erstmal in den eigenen Spiegel zu schauen, so wie ich es getan habe.

Eckhard Pawlowski©

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