Das Leben mit einem, den Holocaust leugnenden Vater.

 
Erst durch das Schreiben meines Buchs „Beziehungsgeschichten“ ist mir klargeworden, warum mein bisheriges Leben mit einem, den Holocaust leugnenden Vater, so unendlich schwer war und nach seinem Suizid 2005, nicht leichter geworden ist.
 
Viele Kriegs- und Nachkriegskinder des letzten Jahrhunderts leiden immer noch unbewusst unter den Folgen der Erziehung durch ihre Eltern, die von all dem nicht gewusst haben wollen, was vor den Augen aller tagtäglich geschah, da ja nicht sein kann, was nicht sein darf.
 
Wenn die heute über 80jährigen wenigstens jetzt darüber reden könnten, warum sie damals geschwiegen haben, würde ihren Kindern und Enkeln klar, dass sie eine unendliche Angst hatten, auch „abgeholt“ zu werden, wenn sie den Mund aufmachen und Fragen stellen.
 
Ich möchte mit ihnen nicht tauschen, wenn sie sich, bedingt durch einen dementiellen Prozess im Alter nicht mehr mithilfe des Verdrängens gegen das wehren können, was ihnen nachts aufs Bett kommt und der Grund für ihre Hilferufe, ihre Angst und Unruhe sein wird.
 
Durch die Angst vor der Wahrheit und dem damit verbundenen Gesichtsverlust, konnten sie Jahrzehnte lang nicht über das erlebte Grauen reden… die Demenz bringt nun alles durcheinander.
 
Die Erinnerung, die damit verbundene Angst und das Bedürfnis, darüber zu reden werden noch zusätzlich durch Gefühle „stillende“ Medikamente gestört.
 
 Zitat aus dem Buch „Beziehungsgeschichten“


Wenn mit einem Mal alle jüdischen Nachbarn von knüppelnden SA-Männern auf die Straße getrieben wurden und von heute auf morgen weg waren…, das muss doch allen auffallen!
Besonders den Kindern, wenn von heute auf morgen die beste Freundin und ihre Eltern nicht mehr da waren. Und wenn sie danach fragten, wurde leise und vorsichtig der Zeigefinger vor den Mund gehalten, weil darüber nicht gesprochen werden durfte.
Da müssen doch unendliche Gefühlsdramen in allen Köpfen abgelaufen sein, angefangen von tiefster Trauer, grenzenloser Wut und einer unbändigen Hilflosigkeit. Es muss doch schrecklich gewesen sein, seinen Kummer nicht loswerden zu können, darüber öffentlich nicht reden zu dürfen und vor den Kindern schon gar nicht. Die hätten gefragt und geredet, wenn ihnen nicht der Mund verboten worden wäre.
„Die holen dich auch ab, wenn du nicht den Mund hältst!“, wurde den Kindern gesagt. Aber: Wer waren „Die“? Warum taten „Die“ das? Wohin wurden die Nachbarn, Freunde und Verwandten gebracht? Diese Fragen und die damit zusammenhängende Angst müssen Millionen von Menschen beschäftigt und gequält haben. Besonders die Kinder, deren Fragen und Wissensdurst mit Angst gestillt wurde.
Gestillt bis heute – …nein, davon haben wir nichts gewusst!
Die Abtransporte haben doch nicht nur die Bahnbediensteten gesehen, ebenso den logistischen Aufwand, um die riesigen Bau- und Bunkeranlagen zur Produktion von Kriegsmaterial herzustellen. Die meisten Männer waren an der Front, so beschäftigte man KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene, das sahen und wussten doch alle… wenn sie es wollten. Tausende von Staats- und Bahnbediensteten wussten Bescheid, dass mit Menschen voll beladene Güterwaggons Richtung Osten fuhren und die Züge immer leer oder nur mit Kleidersammlungen zur Aufarbeitung zurückkamen. Das ganze System wurde akribisch auf deutsche Art und Weise verwaltet… und keiner hat gewusst, was da passiert?
Tausende von Menschen im Umfeld von Verbrennungsöfen konnten es über 20-30 km weit sehen und riechen, was da passiert. Und keiner hatte den Mut, was zu sagen. „Wir hatten alle Angst, selbst abgeholt zu werden, wenn wir was sagen, oder dagegen unternehmen…“, wäre erstmal eine akzeptable Antwort, aber „Wir haben davon nichts gewusst!“, ist einfach nur menschenverachtend!
Als in den Achtzigern die Holocaust-Serien im Fernsehen ausgestrahlt wurden, regte sich mein Vater unheimlich auf. „Die sollen damit aufhören, das stimmt alles nicht…, da muss man nur die richtigen Bücher lesen. Das waren die Alliierten, die haben das alles inszeniert, um es uns Deutschen in die Schuhe zu schieben…!“ – das waren seine Worte.
Kaum hatte er das gesagt, schaute er sich vorsichtig um, ob das außer mir eventuell noch jemand gehört haben könnte, denn er ist auch mit der Vorsicht aufgewachsen und gedrillt worden „Feind hört mit“. – Mein Gott, habe ich mich für meinen Vater geschämt.
Das ist aus seiner Sicht der Welt alles nicht passiert, und deshalb hat mir mein Vater auch nie verziehen, dass ich da arbeite, „wo die sind, mit denen man früher was anderes gemacht hätte!“

 

Ich habe über 33 Jahre in einem psychiatrischen Krankenhaus gearbeitet. Davon 23 Jahre in einer soziotherapeutischen Einrichtung und gut 10 Jahre in einer gerontopsychiatrischen Ambulanz im Rahmen ambulanter Pflegeberatung und Begleitung von Altenheimen und Familien mit pflegebedürftigen alten Menschen. 
                  

                                                                                                                            Eckhard Pawlowski©      

 

 

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