„Der Spagat zwischen Anstand, Liebe und Moral ist der schlechteste Energielieferant für Pflegende“

Ich habe den Eindruck, in letzter Zeit häufen sich die ehrlichen Aussagen und Hilferufe von pflegenden Angehörigen:
„Ich kann eigentlich nicht mehr“!
 
Und das bedeutet „uneigentlich“: „Ich will das so nicht mehr… unter diesen Umständen! Bisher habe ich das gerne gemacht und würde das auch gerne weitermachen, aber ich fühle mich nicht nur alleine gelassen …. ich werde mit allem alleine gelassen!“
Besonders von den eigenen Familienmitgliedern und von denen, die am weitesten weg wohnen und alle paar Wochen/Monate mal kurz für ein Wochenende aufschlagen.
Die machen den Pflegenden dann sogar noch ein schlechtes Gewissen: „Ich habe eben mit Mutti gesprochen… ich glaube, die ist gar nicht so dement, wie Du immer behauptest!?“

In vielen Gesprächen mit Angehörigen habe ich herausgehört, dass sie nicht mit der eigentlichen Pflege überfordert sind, sondern mit der Achterbahn ihrer Gefühle, über die sie mal gerne reden würden, aber in ihrem Umfeld hört ihnen ja keiner richtig zu.
Vielen von uns ist die Wertigkeit des Zuhörens durch den Alltagsstress abhandengekommen und das Phänomen wird noch durch die digitalen Medien, wie WhatsApp verstärkt. 
Das noch sehr persönliche Miteinandertelefonieren wird mittlerweile durch Kurzmitteilungen mit Emojis ersetzt und reduziert unsere wichtigen zwischenmenschlichen Beziehungen auf nicht ernstzunehmendes Comic Niveau.
 
Morgens, so zwischen Tür und Angel fehlt die Zeit über die persönlichen Dinge zu reden und abends ist man oft zu müde, um über die unangenehmen Themen zu reden, die eh nur jemand verstehen kann, der diese Gefühle schon mal erlebt hat.
 
•  Gefühle der Freude und Zufriedenheit, wenn der/die Pflegebedürftige durch die Versorgung ebenfalls zufrieden ist und das auch ausstrahlt…  oder auch einfach nur, weil der Tag trotz Überlastung durch die Chorprobe am Abend oder einen Spaziergang mit Sonnenuntergang und einem Gesprächspartner, der auch zuhören kann, einen schönen Ausklang hatte.
 
•  Gefühle der Angst, vor der Hilflosigkeit durch verdrängte Wut, die durch verbale Missverständnisse und dementielle Prozesse noch verstärkt werden. Die können sich über Monate zu einem explosiven Gas auf der Gefühlsmüllkippe entwickeln, bei der nur ein Funke der Verzweiflung genügt, um zur Schlagzeile für ein Bildzeitungsdrama zu werden.
 
Ähnliche Gefühle erleben auch professionell Pflegende, aber ihr Arbeitsalltag bietet eine gewisse Abwechslung durch wechselnde Klienten mit unterschiedlichen Stimmungen und dem Wissen, trotz Personalnotstand nicht ganz alleine zu sein. In der ambulanten Pflege können die Ortswechsel trotz Termindruck eine kleine Zeit- Insel der Entlastung sein.
 
Pflegende Angehörige brauchen unbedingt entlastende Gespräche. Denn wenn sie irgendwann nicht mehr können und regelrecht ausbrennen, brauchen sie selber ärztliche Hilfe wegen vordergründiger Rücken- und Verspannungsproblemen, da sie auf die monatelangen Hilferufe ihrer Seele in Form von Schlaflosigkeit, Unruhe und Antriebslosigkeit nicht gehört haben.

Selbst im Bereich der professionellen Pflege wird das Thema „entlastende Gespräche“ selten ernst genommen, denn für Teamgespräche in der Arbeitszeit oder Supervision fehlt oft der Wille und das Geld.

Ich bin mir ganz sicher, wenn man die entstehenden Kosten durch den hohen Krankenstand der Pflegenden durch Überlastung, in unserem „krankheitsfördernden“ Gesundheitssystem hochrechnen könnte, würde die Wertigkeit von präventiven, entlastenden Gesprächen und Supervision nicht so belächelt.

Eckhard Pawlowski©

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0